"Stolpersteine" erinnern an Dürener Widerstandskämpfer

Veröffentlicht: Sonntag, 05. November 2017

Düren. Am gestrigen Samstag wurden sieben weitere „Stolpersteine“ durch Gunter Demnig im Dürener Stadtgebiet verlegt. Auf Initiative des Bertram-Wieland-Archivs erinnern nun in der Innenstadt zwei Messingplatten an die Dürener Widerstandskämpfer und Kommunisten Franz-Nikolaus Hasert und Johann Reins. Rund 30 Menschen wohnten der Gedenkveranstaltung anlässlich der Verlegung in der Straße „Am Pletzerturm“ bei.

Vertreter des Bertram-Wieland-Archivs berichteten über den Lebensweg der von den Nazis ermordeten Dürenern und verlasen einen Bericht eines Mithäftlings aus der KPD-Zeitung „Volksstimme“, der die Umstände des Todes von Johann Reins schildert (siehe unten). Auch der Dürener Bürgermeister Paul Larue ergriff das Wort und erinnerte an die bleibende Verantwortung, die sich aus dem Schicksal der NS-Opfer ableitet: „Mich beeindrucken politische Überzeugungen oder auch religiöse Überzeugungen immer dann besonders, wenn Menschen dafür Nachteile in Kauf nehmen, ja sogar Inhaftierung und Tod, ohne von ihren Überzeugungen abzulassen, “ Dies sei das glaubwürdigste Zeugnis, das überhaupt gegeben werde könne. „Deshalb können wir uns nur vor den Opfern verneigen, sie in guter Erinnerung behalten und ihr Leben auch als Maßstab für unsere Verantwortung heute übernehmen“, so Larue weiter.

Am Vormittag waren in Düren-Echtz außerdem „Stolpersteine“ für die ermordeten polnischen Zwangsarbeiter Walenty Piotrowski Franciszek Wysock verlegt worden. In Düren-Nord wurden für August Kaufmann, Wilhelmine Kaufmann und Walter Kaufmann "Stolpersteine" verlegt. Sie sind Verwandte der jüdischen Familie Berlin, an deren Schicksal bereits seit einer früheren Verlegung erinnert wird. Die Zahl der insgesamt verlegten „Stolpersteine“ im Dürener Stadtgebiet ist nunmehr auf 75 gestiegen.

Redebeitrag des Bertram-Wieland-Archivs (hier leicht gekürzt wiedergegeben)

[…] Zunächst möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich bei dem Kollegen Ulrich Titz von der hiesigen Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) zu bedanken, der die heutige Verlegung von „Stolpersteinen“ durch Gunter Demnig koordiniert hat. Und unser Dank gilt auch der Dürener Geschichtswerkstatt, die uns bei der Finanzierung der „Stolpersteine“ unter die Arme gegriffen hat. […]
In Düren wurden die ersten „Stolpersteine“ im Juni 2005 verlegt. […] Bereits im März 2006 wurden u.a. „Stolpersteine“ für die Birkesdorfer Kommunisten Bertram Wieland und Ludwig Henzig verlegt. Heute kommen zwei Messingtafeln für weitere Vertreter aus der Dürener Arbeiterbewegung hinzu. Und das ist ein Anliegen unseres Vereins – die Geschichte der lokalen Arbeiterbewegung im Stadtbild sichtbarer zu machen.

Franz-Nikolaus Hasert und Johann Rheins trennten nur wenige Jahre Altersunterschied. Hasert wurde am 21. Juli 1898 in Stolberg geboren und war Glasmacher und Metallarbeiter von Beruf. Der etwas ältere Johanns Reins, Jahrgang 1894, war Bauarbeiter. Die Lebenswege der Beiden kennen wir bislang nur in Grundzügen. Hasert wurde als Soldat im 1. Weltkrieg verwundet. Sicherlich haben die Schrecken des Krieges beide in ihrer politischen Haltung tiefgreifend geprägt und sie schließlich in die Reihen der Kommunistischen Partei Deutschlands geführt.

Hasert wohnte 1929 in der Freiheitsstr. 42 und 1932/33 in der Brückenstr. 88. Zeitweise war er Vorsitzender der Dürener KPD. In einem Schreiben der Dürener Polizei vom Oktober 1931 an den Landrat wird Franz Hasert als Verantwortlicher für die Herausgabe der Kleinzeitung "Echo der Freiheit - Organ der Schaffenden von Düren Ost“ genannt.
Reins war in den 1920er Jahren ein bekannter kommunistischer Kommunalpolitiker. Im November 1925 wurde er für die KPD in den Kreistag gewählt, gleichzeitig war er Kandidat bei den Wahlen zum Provinziallandtag der Rheinprovinz. Im Herbst 1929 erlosch sein Kreistagsmandat, dafür war er seit dem 17. November 1929 Stadtverordneter in Düren. Zum 14. Juli 1930 legte er sein Mandat nieder; zum Anfang der 1930er Jahre war er Anführer des „Kampfbundes gegen den Faschismus“ in Düren, 1932 dann Vorsitzender des neu gebildeten Unterbezirks Düren der KPD.

Mit Beginn der Errichtung der faschistischen Diktatur wurden auch Hasert und Reins – wie viele andere politische Gegner der Nazis auch – verfolgt. Bei einer Hausdurchsuchung am 24. Februar 1933 wird bei Hasert eine Schreibmaschine beschlagnahmt. Der gesuchte Vervielfältigungsapparat wurde nicht gefunden. Es folgt „Schutzhaft“: Vom 28. Februar 1933 bis 8. März 1933 im Gerichtsgefängnis Düren, vom 25. März 1933 – 14. August 1933 in Köln. Polizeiliche Meldepflicht bis zum 9. Februar 1934. Am 28. Februar 1933 wurde Reins ebenfalls in "Schutzhaft“ genommen. Er wurde am 12. Mai 1933 wieder entlassen.

Der Terror der Nazis holt beide Jahre später wieder ein. Hasert wird ab dem 28. Augst 1940 im Konzentrationslager Sachsenhausen (Häftlingsnummer: 29821, Block 66) inhaftiert und kommt am 18. Oktober 1941 in den Krankenbau. Todestag laut Standesamt Oranienburg war der 16. März 1942. Seine letzte Adresse war Düren, Pletzergasse 44, an dem Ort an dem wir nun stehen.
Reins wird im Zuge der Verhaftungswelle nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 am 22. August 1944 in Birkesdorf erneut verhaftet, in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht und am 4./6. Februar 1945 in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Dort starb Reins am 17. Februar, nicht einmal zwei Monate vor der Befreiung des KZ durch die Widerstandsorganisation der politischen Häftlinge. Zum Schicksal von Reins werden wir später noch etwas hören. Reins letzter Wohnort in Düren war in der Pletzergasse 42.

Wir hören nun das „Lied der Volksfront“, entstanden Mitte der 1930er Jahre. Der Text stammt von Erich Weinert, die Musik von Viktor Tomilin. Das Lied propagiert den gemeinsamen Kampf aller politischen Strömungen der Arbeiterbewegung und auch von bürgerlichen Kräften gegen den Faschismus. In der dritten Strophe des Liedes heißt es „Noch hat die Welt die Hände frei, es gilt, sie zu verwenden!“. In Zeiten, in denen die extreme Rechte in zahlreichen Ländern erstarkt, ist dies sicherlich eine Schlussfolgerung, die uns das Schicksal von Hasert und Reins lehrt.


Johann Reins starb als einer der Letzten (Artikel aus der "Volksstimme", Ausgabe vom 5. Januar 1948)

 

Zu denen, die während der Nazizeit wegen ihrer aufrichtigen antifaschistischen Gesinnung ihr Leben lassen mußten, gehört auch Johann Reins aus Düren. Von einem Leidensgenossen, der mit Reins zusammen im Lager war, erhalten wir nachfolgende Zuschrift.

Der Name Reins war in den beiden letzten Jahrzehnten in Düren eng mit der Arbeiterbewegungverknüpft. Reins war eine echte Kämpfernatur und ließ sich von einem unerschütterlichen Optimismus leiten, ohne den sich kein großes Ziel erreichen läßt. Kein noch so harter Schlag konnte ihn mutlos machen. Seinen Freunden gegenüber war er allzeit ein guter Kamerad, und in seiner langjährigen Eigenschaft als Stadt-und Kreisvertreter ha er sich stets für die Belange der werktätigen Bevölkerung eingesetzt.

"Mir war es eine große Ehre", schreibt der Einsender, "mit diesem wahren Freund der Arbeiterschaft mehr als 25 Jahre zusammen arbeiten zu können. In zahllosen Kämpfen standen wir Schulter an Schulter, um der großen Sache der Arbeiterbewegung zu dienen. Nur darum, weil Reins sich für das Wohl der Werktätigen einsetzte, wurde er wie viele aufrichtige Arbeiter von der Gestapo in die Vernichtungslager geschleppt. In den Januartagen 1945 brach Reins zusammen. Ausgehungert und bis zum Skelett abgemagert, reichte seine Kraft nicht mehr aus, weiter leben zu können. Er wurde, wie so viele Tausende, im Verbrennungsofen vernichtet.

Zu je 100 Gefangenen wurden wir, meist alle darmkrank und oft ohne Kleidung, in Waggons verladen. Ohne Wasser und Brot mussten wir 5 Tage in diesen Waggons aushalten. Die Darmkranken, dem Hungerwahnsinn nahe, beschmutzten sich gegenseitig. In allen Sprachen baten sie um Hilfe. Die Zahl der Toten nahm derart zu, dass ich, da ich mich noch in etwa auf den Beinen halten konnte, die Toten aufeinander türmte, die ein ekelhaften Gestank ausströmten. In einsamer Heide wurden die Türen der Waggons aufgerissen und ihrer grausamen Fracht entledigt. Die Leichen türmten sich vor den Waggons zu Bergen auf, die dann mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt wurden. Die wenigen Überlebenden wurden ins Moor geschleppt. Viele meiner Kameraden aus unseren Bezirk fanden ein solches Ende. Sie alle mussten sterben, weil das deutsche Volk den falschen Weg ging, indem es Hitler in die Katastrophe folgte. Die 12 Jahre faschistische Diktatur schleuderten unser Volk in das furchtbarste wirtschaftliche, politische und sittliche Chaos seiner Geschichte. Dieser Irrweg forderte die besten Söhne des werktätigen Volkes. Wir wollen die aufrichtigen Männer und Demokraten, die den Kampf gegen die Barbarei aufnahmen und ihr Leben opferten nie vergessen. Sie alle wie unser Johann Reins, werden in unseren Herzen weiterleben.“


Fotos von der Verlegung und Gedenkveranstaltung

 

Zugriffe: 1175