Das Schicksal von Dürenern im Konzentrationslager Mittelbau-Dora

Veröffentlicht: Freitag, 14. Dezember 2018

Düren. Im Kreishaus wurde am Montag die Ausstellung "Zwangsarbeit für den ‚Endsieg‘ - Das KZ Mittelbau-Dora 1943 – 1945" eröffnet. Ergänzend präsentiert das Bertram-Wieland-Archiv e.V. erste Ergebnisse aus dem Projekt "Das Schicksal von Dürenern im Konzentrationslager Buchenwald". Wir dokumentieren die Veranstaltung.

Rund 60 Besucherinnen und Besucher hatten sich im Lichthof des Kreishauses (Bismarckstr. 16) im ersten Obergeschoss eingefunden. Angesichts der Erfolge der Rechtspopulisten in vielen Ländern Europas, die Minderheiten ausgrenzen und als Feindbild benutzen, warnte Ausstellungsschirmherr Landrat Wolfgang Spelthahn alle Demokraten vor Wegschauen und Wegducken: "Wir dürfen Intoleranz und Fremdenhass auf gar keinen Fall dulden. Denn wer hätte während der Weimarer Republik gedacht, dass nur wenige Jahre später solch unfassbare Verbrechen möglich sind, wie die hier dokumentierten."  



Dominik Clemens (Bertram-Wieland-Archiv e.V.) berichtete vor allem über die historische Recherche zur Deportation von 83 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Düren im Januar 1944 in die Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora. Ludger Bentlage vom mitveranstaltenden Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im Kreis Düren rief dazu auf, gegen Nationalismus, Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus einzutreten. Beide Wortbeiträge sind unten dokumentiert.

Die Veranstaltung endete mit einer Schweigeminute für die Opfer des Faschismus und dem gemeinsamen Singen des „Buchenwaldlieds“. Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Dezember zu sehen, während der Öffnungszeiten des Kreishauses (montags bis donnerstags bis 19 Uhr).


Eröffnung der Ausstellung „Zwangsarbeit für den ‚Endsieg‘“, 10.12.2018, Kreishaus Düren – Beitrag von Dominik Clemens (Bertram-Wieland-Archiv e.V.)



Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 14. Januar 1944 wurden 83 Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Düren in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und von dort zum größten Teil weiter nach Mittelbau-Dora verbracht. Die meisten haben dies nicht überlebt. Über dieses Ereignis war bislang kaum etwas bekannt. Es freut mich daher ganz besonders, dass wir heute hier die Gelegenheit haben, in Ergänzung zur Ausstellung  „Zwangsarbeit für den ‚Endsieg‘ - Das KZ Mittelbau-Dora 1943 – 1945“ der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, erstmals unsere Rechercheergebnisse zum Transport von Düren nach Buchenwald öffentlich vorzustellen.

Seit 2014 beschäftigen wir uns mit der Geschichte der lokalen und regionalen Arbeiterbewegung,  insbesondere auch während der Zeit des Faschismus. Dass wir uns dabei auch mit Buchenwald beschäftigen, ist naheliegend. Das ab Juli 1937 auf dem Ettersberg bei Weimar errichtete Konzentrationslager diente auch zur Inhaftierung von politischen Gegnern der Nazis aus den Reihen der Arbeiterbewegung im Kreis Düren. Und schließlich haben wir unseren Geschichtsverein nach dem Birkesdorfer Bertram Wieland benannt, der am 15. November 1944 in einem Außenlager von Buchenwald, in Wansleben am See, unter bislang nicht näher geklärten Umständen zu Tode kam – man muss wohl sagen, ermordet wurde.  

In diesem Jahr haben wir uns verstärkt mit der Geschichte Buchenwalds und den Bezügen dieser Geschichte in den Kreis Düren beschäftigt. Gemeinsam mit dem hiesigen DGB haben wir im April eine dreitägige Studienreise nach Weimar organisiert. Mit 35 Menschen haben wir die Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora besucht und uns unter anderem an der Gedenkveranstaltung des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos zum Jahrestag der Befreiung von Buchenwald beteiligt.  Der Vortrag im September von Nico Biermanns zur Biografie des Kreuzauer SS-Lagerarztes August Bender, der nach dem Krieg zum beliebten Landarzt in Vettweiß-Kelz avancierte und bis 1988 tätig war, hat sehr großes Interesse hervorgerufen. Die Studie von Nico Biermanns zu Bender werden wir voraussichtlich im April 2019 als Buch veröffentlichen. Parallel haben wir zu den Schicksalen politischer Verfolgter aus dem Kreis Düren geforscht.

Und wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, nehmen die Dinge manchmal eine unerwartete Wendung.  Zunächst waren wir davon ausgegangen, dass wir vor allem auf Einzelschicksale politisch Verfolgter stoßen werden, wie z.B. auf den ehemaligen Dürener KPD-Kreistagsabgeordneten und Stadtverordneten Johann Reins, der am 17. Februar 1945 in Buchenwald ermordet wurde. Ein Irrtum, wie sich bald herausstellte. Als wir uns um die Ausstellung „Zwangsarbeit für den ‚Endsieg‘“ bemühten, erhielten wir aus der Gedenkstätte Mittelbau-Dora einen vagen Hinweis, dass Friedrich Kochheim in seiner Autobiografie mit dem Titel „Bilanz. Erlebnisse und Gedanken“ über Dürener in Mittelbau-Dora geschrieben hat. Der Unternehmer und bekennende Katholik Kochheim wurde 1942 wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ denunziert und von der Gestapo verhaftet. Im Januar 1944 wurde er von Buchenwald nach Mittelbau-Dora gebracht, gemeinsam mit einem Großteil der ehemaligen Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Düren. Aus dem Archiv des Landschaftsverbandes erhielten wir die Kopie einer Abschrift der Transportliste von Düren nach Buchenwald. Von der Transportliste ausgehend konnten wir – durch Nachforschungen unter anderem im Landesarchiv und eine Anfrage an das Archiv der Gedenkstätte Buchenwald – die biografischen Grunddaten zu allen 83 betroffenen Patienten ermitteln. Von mehr als 60 Personen liegen uns ausführliche Lebensdaten vor, und von etwa 20 Patienten konnten wir Fotografien beschaffen.

Zwischen März 1940 und November 1944 wurden 1911 Frauen und Männer aus der Heil- und Pflegeanstalt Düren bei 22 Transporten verlegt. Zumeist führten diese Transporte in Tötungsanstalten, in denen diese Menschen im Rahmen der „Aktion T4“ systematisch ermordet wurden. Der Transport in das Konzentrationslager Buchenwald vom 14. Januar 1944 hatte einen anderen Zweck.  Auf Betreiben der SS sollten insbesondere arbeitsfähige Patienten aus den Heil- und Pflegeanstalten in Konzentrationslager überführt werden. Es wurden Arbeitssklaven für die Rüstungsproduktion benötigt. Am 15. Januar traf der Transport aus Düren in Buchenwald ein. Ein Großteil der Dürener Patienten wurde am 21. Januar nach Mittelbau-Dora verlegt. Diesen Transport beschreibt der bereits erwähnte Friedrich Kochheim in seinem Buch: „Zwei Tage vor Abgang des Transportes, für den auch ich bestimmt war, wurden die ‚Opfer‘ von den SS-Schergen namentlich aufgerufen. Wir waren insgesamt 87 Mann, Alte und Junge, und es wurde mir bei diesem Appell unheimlich, als ich meine Nachbarn zur Rechten und Linken seltsame Gespräche führen hörte. Gespräche, in denen weder Sinn noch Zusammenhang erkennbar war.
Nach dem namentlichen Aufruf führte man uns zur Revierbaracke, in der eine Ärztekommission auf uns wartete. Zur Dekoration lagen auf einem Tisch ärztliche Instrumente ausgebreitet, aber untersucht wurde niemand von uns. Kein Arzt stand auf und bemühte sich um uns. Man fragte nur beiläufig: ‚Wann geboren? Was fehlt Ihnen?“ Ab und zu gab es Gelächter bei den Ärzten, wenn eines der geistesschwachen Opfer eine törichte Antwort gab. Viele dieser Menschen kamen aus der Irrenanstalt Düren im Rheinland, eine der vielen Anstalten, deren Insassen umgebracht worden sind.“
Kochheim beschreibt die Zugfahrt nach Nordhausen und schließlich die Ankunft in Mittelbau-Dora: „Schließlich hielt der Zug vor einem großen Lager. Es war das Lager ‚Dora‘. Wie eine Viehherde wurden wir auf den Waggons zusammengetrieben und durch fußhohen Schlamm, in dem unsere Holzschuhe steckenblieben und die Fußlappen verloren gingen, ins Lager geführt. Wie üblich, wurde zunächst Zählappell abgehalten. Der Appellplatz des Lagers ‚Dora‘ war an diesem Tag ein großer Schlammsee und in diesem Dreck mußten wir stundenlang, bis zum Dunkelwerden, stehen.“



In Mittelbau-Dora mussten die Häftlinge in der Rüstungsproduktion für die Mittelwerk GmbH arbeiten, die dort V2-Rakten herstellen ließ. Die Zwangsarbeit in den Stollen im Kohnstein fand unter katastrophalen Bedingungen statt. Die Sterblichkeit unter den Häftlingen war hoch. Zur Situation in Mittelbau-Dora noch einmal Friedrich Kochheim: „Nach einigen Stunden zwang mich ein Bedürfnis aufzustehen und im Stollen nach einer Gelegenheit zu suchen. […] In der Nähe des Stollenausgangs war rechter Hand eine Ausbuchtung in den Felsen geschlagen: die Bedürfnisanstalt. Hier standen unter der Felswölbung etwa 50 Kübel, eine Art Mauerkübel, die mit Brettern, die teilweise arg verschmutzt waren, überdeckt waren und sehr scharfe Ränder hatten. Die Kübel waren meist randgefüllt und ich musste umhersuchen, bis ich einen fand, dessen Benutzung einigermaßen angängig war. Bei diesem Herumsuchen machte ich die entsetzliche Entdeckung, daß zwischen diesen Kübeln tote Kameraden lagen. Ekel und Empörung schlugen in mir hoch und es schien mir unfaßbar, daß an diesem Ort des Grauens Zivilpersonen arbeiteten, die außerhalb des Lagers wohnten und draußen nichts von dem verlauten ließen, was hier an Grauenhaftem geschah.“

Der 1897 in Köln-Mühlheim geborene Wilhelm Hackenbroich war einer der ältesten Patienten, der von Düren nach Mittelbau-Dora gebracht wurde. Er befand sich seit August 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Düren und wurde nach dem Verbüßen einer 18monatigen Zuchthausstrafe wegen Betruges eingewiesen. Wilhelm Hackenbroich überlebte in Mittelbau-Dora nur acht Tage und starb am 29. Januar 1944.  Binnen weniger Wochen starben zahlreiche der aus Düren stammenden Häftlinge. Von den 83 Personen konnten wir für 43 das Sterbedatum und den Sterbeort ermitteln. Manche wurden von Mittelbau-Dora in das Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht und fanden dort den Tod. Von 20 Menschen verliert sich die Spur im Vernichtungslager Majdanek. Wir können daher mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die meisten der 83 nicht überlebt haben.
Einer der Überlebenden war der Kölner Anton Igel, der sich später in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten engagierte. Anton Igel war mehrfach desertiert und um nicht erschossen zu werden, stellte er sich „geisteskrank“. 1945 wurde er in Bergen-Belsen durch die Alliierten befreit.  

Wenn wir uns mit der Geschichte der Verfolgung in der Nazizeit auseinandersetzen, so ist dies kein Selbstzweck. Wir erinnern an die Opfer nicht nur um des Erinnern willens, sondern gerade auch mit Blick auf die Gegenwart und die Zukunft. Zurzeit beobachten wir in Deutschland und vielen Ländern Europas, aber auch anderen sogenannten Industrienationen gefährliche politische Entwicklungen. Ich erinnere daran dass die AfD auch hier im Dürener Kreistag bis zum Parteiaustritt des Mandatsträgers vertreten war, eine Partei, deren neofaschistischer Flügel immer deutlichere Konturen annimmt. Wenn wir uns heute mit dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora beschäftigen und an die 83 Verschleppten aus der Heil- und Pflegeanstalt erinnern, kann uns dies nur Ansporn sein, nicht nachzulassen im Kampf gegen die extreme Rechte, gegen Rassismus und Antisemitismus und gegen die Rechtsentwicklung in der Gesellschaft. Ich möchte hierzu aus einer Rede von Anton Igel, gehalten in der Landesklinik Düren bei einer Gedenkfeier am 1. September 1989, zitieren:
„Stellvertretend für alle hier Gequälten wurde mir die Ehre zuteil, zum Gedenken an diese vielen unschuldigen Menschen eine Gedenktafel -  wenn auch spät - zu enthüllen.
Wie war es in so kurzer Zeit möglich, daß Pfleger, die für einen sozialen Dienst am behinderten Menschen vorbereitet worden waren, sich so schnell in den Dienst eines verbrecherischen Mörderregimes einfügen ließen?
Wie konnten sogar Ärzte, die den hippokratischen Eid geleistet hatten und somit zur Erhaltung von Menschenleben verpflichtet waren, Aussonderungslisten für die Vernichtung zusammenstellen?
Nur die Tatsache, daß sie im Sinne dieses Staates keine Menschen mehr waren, konnte sie dazu veranlassen die Verantwortung auf die Befehlsgeber zu schieben und so unmenschliche Gesetze einer Verbrecherregierung durchzuführen.
Lassen wir es nie wieder so weit kommen. Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Vernichtungswissenschaft!“ Soweit Anton Igel.

Es sei der Vollständigkeit halber erwähnt – und das muss uns auch noch heute mit Zorn erfüllen – dass keiner der beteiligten Ärzte und Pfleger für ihre Beteiligung an den Naziverbrechen zur Rechenschaft gezogen worden ist. Gegen Dr. Heinrich Stillger, der den Transport nach Buchenwald als zuständiger Abteilungsarzt für das „Bewahrungshaus“  zusammengestellt hat, wurden die Vorermittlungen 1963 durch die Staatsanwaltschaft eingestellt. Stillgers Karriere setzte sich – wie die vieler anderer auch – nach 1945 ungebrochen fort.

Sehr geehrter Herr Spelthahn, ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen haben und uns die Möglichkeit gegeben haben, das Kreishaus als Ausstellungsort zu nutzen. Sie haben unser Anliegen – das Schicksal von Menschen aus dem Kreis Düren, die nach Buchenwald verschleppt worden sind, in das Bewusstsein zu rücken -  von Anfang an unterstützt. Auch hier für danken wir Ihnen!

Dass wir heute erste Ergebnisse aus unserem Projekt „Das Schicksal von Dürenern im Konzentrationslager Buchenwald“ präsentieren können, ist vor allem der Verdienst meiner Mitstreiter Heiner Krüger und Lothar Böling, die einen Großteil der Recherche zu dem Transport nach Mittelbau-Dora übernommen haben. Und viele Menschen haben zum Gelingen des Projektes beigetragen, manche auch als stille Ratgeber im Hintergrund. Stellvertretend möchte ich Sabine Stein, Archivarin der Gedenkstätte Buchenwald, für ihre Unterstützung bei der Recherche und Dr. Stephan Stracke für manchen fachlichen Rat danken. Für die ansprechende Gestaltung unserer zusätzlichen Ausstellungstafeln hat Yvonne Dannull gesorgt. Und schließlich wäre unser Projekt nicht möglich gewesen ohne die freundliche finanzielle Unterstützung durch die SWD-Kulturstiftung und durch einen Zuschuss aus der Kulturförderung der Stadt Düren.

Es gibt noch viele weiße Flecken in der lokalen und regionalen Geschichtsschreibung. Wir laden Sie, wir laden euch dazu ein, gemeinsam an der Geschichte der Arbeiterbewegung und zur NS-Zeit in der Dürener Region zu forschen. Und auch das Thema Buchenwald wird uns auch in Zukunft weiter beschäftigen. Im April 2019 möchten wir erneut eine Studienfahrt nach Weimar anbieten. Wir hoffen, dass es wiederum gelingt, hierfür Spenden und Fördergelder einzuwerben.

Ich danke für die Aufmerksamkeit.


Eröffnung der Ausstellung „Zwangsarbeit für den ‚Endsieg‘“, 10.12.2018, Kreishaus Düren – Beitrag von Ludger Bentlage (DGB-Kreisverband Düren)

Die Vergangenheit verstehen, um Zukunft zu gestalten

Sehr geehrter Herr Spelthahn,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

etwa 40 Prozent der deutschen Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren wissen nach einer Umfrage wenig bis gar nichts über den Faschismus und den Holocaust.  Die Frage die mich umtreibt lautet:  Wie kann so viel Unwissenheit über den Faschismus und Holocaust möglich sein? Wird in den Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen nicht mehr über die systematische und millionenfache Vernichtung von Menschen gesprochen? Es waren Juden, Gewerkschafter, KPDler, SPDler, Sinti und Roma und Menschen, so hieß es damals umgangssprachlich, aus den Irrenanstalten. Schaut sich niemand mehr die ausgestrahlten Dokumentationen an? Oder hören die Menschen bei solchen Themen einfach nicht mehr genau hin, weil sie viel zu sehr mit oberflächlichen Dingen beschäftigt sind?

Dabei ist es so wichtig, dass die Vergangenheit aufgearbeitet und nie vergessen wird, dass immer wieder an diese scheußliche Menschheitskatastrophe erinnert wird.  Es geht darum, in Zeiten wie den heutigen, in denen Nationalismus, Rechtsradikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wieder zunehmen, eine lebendige Erinnerungskultur zu fördern, damit das größte Verbrechen an der Menschheit sich nicht in Bedeutungslosigkeit verliert. Denn nur wenn wir die Vergangenheit kennen, verstehen und daraus lernen, können wir die Zukunft verantwortungsvoll gestalten.

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
deshalb ein Gedicht, das für uns heute, im Gedenken an die Millionen von Toten ein Auftrag ist.

"Gegen das Vergessen" von Karl Retzler:

Nein, du trägst keine Schuld daran, was deine Eltern, Großeltern, Verwandten und Bekannten getan haben.

Doch, doch du machst dich mitschuldig, wenn es wieder passiert!
Nein, du trägst keine Schuld daran was passiert ist,
als du ein Kind warst oder was vor deiner Geburt geschah.

Doch, doch machst dich mitschuldig, wenn es wieder passiert!
Du machst dich mitschuldig, wenn du zulässt,
dass es verharmlost wird!
Du machst dich mitschuldig, wenn du zulässt,
dass es vergessen wird!
Du machst dich mitschuldig, wenn du zulässt,
dass wiederum Menschen wegen ihrem Glauben, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Ausrichtung,
ihrer körperlichen, gesundheitlichen, geistigen Einschränkungen
verunglimpft, ausgegrenzt, verfolgt oder gar getötet werden!

Du machst dich schuldig, wenn du den neuen Nazis nachläufst,
sie verharmlost, unterstützt oder gar ein Teil von ihnen bist!

Niemals mehr soll jemand sagen: ich habe es nicht gewusst!
Niemals mehr soll jemand sagen: ich hatte keine Wahl!
Niemals mehr soll jemand sagen: was hätte ich denn dagegen tun können.
Niemand braucht und niemand will ein zweites 1933-1945!
Die Wahl hast du! Du kannst sehen und hören!

Und vor allem:
Du kannst handeln! 
Gegen das Vergessen!
Gegen das Augen verschließen!
Gegen das Nichtstun!

Sehr geehrte Anwesende, zu Ehren der Millionen Toten bitte ich Sie, sich von den Plätzen zu erheben und eine Gedenkminute einzulegen.

 


Auch zum Thema:

Getarntes Verbrechen - Die »Aktion T 4« zwischen 1940 und 1945 war systematischer Massenmord an Menschen mit Behinderung. Vor 50 Jahren wurden die Verantwortlichen zu milden Strafen verurteilt (Artikel in der Tageszeitung "junge Welt" vom 15. Dezember 2018)

 

 

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