„... daß es richtig ist Herrschaft zu hinterfragen“ - Gedenken an Arthur May

Veröffentlicht: Mittwoch, 06. Februar 2019

Aachen/Jülich. Arthur May, KPD-Politiker und Redakteur der „Arbeiterzeitung für den Regierungsbezirk Aachen“ wurde am 22. Juni 1933 durch die SS bei Jülich ermordet. Seit heute erinnert ein „Stolperstein“ des Künstlers Gunter Demnig am letzten Wohnort Mays in Aachen an den antifaschistischen Widerstandskämpfer.

Etwa 25 Menschen folgten der Einladung des Bertram-Wieland-Archivs und begleiteten die Verlegung mit einer Gedenkveranstaltung. Die „Aachener Zeitung“ berichtet in ihrer Online-Ausgabe: „Arthur May fand bereits 1933 den Tod. ‚Er ist eins der ersten Opfer der faschistischen Diktatur in Aachen‘, stellte Heiner Krüger vom Bertram-Wieland-Archiv in Düren fest. Für den KPD-Politiker und Redakteur der ‚Arbeiterzeitung für den Regierungsbezirk Aachen‘ verlegte Demnig auf Initiative des Archivs an Mays letztem frei gewähltem Wohnort am Muffeter Weg 57 einen Stolperstein. May wurde am 16. Juni 1933 verhaftet, gefoltert und später angeblich ‚auf der Flucht erschossen‘, wie das Regime Mays Lebensgefährtin wissen ließ. Er wurde anonym nahe Jülich begraben. 'Als Kommunist ist er aus der bürgerlichen Mitte herausgetreten. Deshalb wurde in unserer Familie nicht über ihn gesprochen‘, erzählte Mays Nichte, Margit Kiefer, bei der Gedenkfeier. ‚Heute genießt mein Onkel meine Hochachtung, weil er mir gezeigt hat, dass man sich anders entscheiden konnte. Es bleibt wichtig, Herrschaft zu hinterfragen.‘"

Wir dokumentieren weiter unten die Wortbeiträge von Margit Kiefer, die für die Familie Mays sprach, und von Heiner Krüger (Bertram-Wieland-Archiv e.V.). Unten finden sich außerdem einige Fotos von der heutigen Verlegung.

 

Für Arthur May

Arthur war mein Onkel, der Bruder meiner Mutter. Wir wußten von seiner Existenz, aber wir wußten nichts von ihm. Nachzufragen hatten wir aufgegeben. Es sollte in unserer Familie nicht über ihn gesprochen werden.

Erst später haben wir verstanden warum: Arthur hat sich mit seinen Ideen und Überzeugungen in Bereiche begeben, die sehr weit weg von denen seiner Familie waren. Heute wissen wir, daß er aus der bürgerlichen Sphäre herausgetreten war und sich politisiert hatte. Das war in der Familie verpönt, insbesondere auch wegen der Richtung, die er eingeschlagen hatte. Kommunist zu sein war zu jener Zeit ein riskantes Bekenntnis. Arthur blieb sich treu, sogar als die Umstände ihn zwangen unterzutauchen und ihm schließlich das Leben kosteten.

Heute erfüllt mich der besondere Lebensweg von Arthur mit Hochachtung, einer der der Nazi-Verführung nicht folgen wollte, sondern vielmehr sein Leben dem klaren Gegenentwurf dieser autoritären Macht gewidmet hat.

Er hat mir gezeigt, daß es richtig ist Herrschaft zu hinterfragen.
Er hat mein Unwissen darüber, ob meine Eltern sich in jener Zeit richtig verhalten haben, beantwortet.
Er hat gezeigt, daß man sich auch anders entscheiden konnte.
Er hat mich ganz und gar beeindruckt und bereichert.
Sein tragisches Ende ist umso schrecklicher für mich.
Heute ehren wir sein Andenken durch einen Stolperstein. Ich bin dankbar für den Eifer mit dem das Bertram-Wieland-Archiv den Lebensweg von Arthur erkundet und festgehalten hat und damit dieses besondere Gedenken heute möglich gemacht hat. Und ich bin froh, dass ihr alle da seid.

Margit Kiefer


Beitrag des Bertram-Wieland-Archivs

Die bürgerlich-faschistische Presse verbreitete folgende Meldung über den Mord an Arthur May: „In der Nacht vom 21. zum 22. Juni wurde der bekannte kommunistische Funktionär Arthur May, letzter Redakteur der Aachener „Arbeiter-Zeitung“, bei seiner Ueberführung nach Jülich von Hilfspolizisten auf der Flucht erschossen.“

Noch im Juni 1933 hatte die KPD Mittelrhein, also kurz nach der Ermordung von Arthur May, ein Flugblatt herausgegeben. Ein Original befindet sich in unserem Archiv und war ausschlaggebend dafür, dass wir unsere Recherche zum Mord an Arthur begonnen haben. Die zutage geförderten umfangreichen Informationen wollen wir demnächst als Broschüre herausgeben. An dieser Stelle möchte ich darauf eingehen, wie die KPD damals auf diesen Mord reagiert hat.
„Ein Märtyrer der sozialen Revolution! Lesen! Weitergeben! Arthur May ermordet!“ - so ist das Flugblatt überschrieben. Diese Überschrift verweist darauf, dass die KPD schon lange keine legalen Aktionsmöglichkeiten mehr hatte. Unmittelbar nach der Einsetzung Hitlers als Reichskanzler erhielten Antifaschisten, zuvörderst die KPD, Demonstrations- und Publikationsverbote, die Parteizentrale der KPD war besetzt, tausende Kommunistinnen und Kommunisten waren in „Schutzhaft“, für sie war bereits mit der Errichtung der Konzentrationslager begonnen worden.
Unter diesen Umständen ist es heute noch beeindruckend zu sehen, wie schnell die KPD reagieren konnte und offensichtlich im Ausland hergestelltes Druckmaterial über die Grenze schmuggeln und in hoher Auflage verteilen konnte.

Über die Lügen in der faschistischen Presse heißt es in dem Flugblatt :

„Auf der Flucht erschossen“! Mit dieser Formulierung wird tagtäglich auf´s neue der organisierte und legalisierte Arbeitermord abgetan.

In dem Flugblatt wird dann die Mordtat beschrieben:

Hier die Wahrheit über die bestialische Nazimordtat an unserem Genossen Arthur May:
Genosse May übernahm nach der Machtübernahme der Hitlerregierung in selbstloser Aufopferung die Funktion des politischen Leiters für den Unterbezirk Aachen der KPD. Fünf Tage vor der Mordnacht wurde Genosse May verhaftet und in das Aachener Gerichtsgefängnis eingeliefert. Am Abend des 21. Juni drang das gedungene Mordkommando in seine Zelle, um im Schutze der Nacht die organisierte Mordtat an unseren Genossen May durchzuführen. Unter dem erlogenen Vorwand, das Genosse May in ein Jülicher Gefängnis überführt werde, erfolgte sein Abtransport mittels eines offenen Personenautos. Dann begannen seine Henker zynisch und mit kalter Berechnung ihr empörendes Mordwerk:

Sein Körper wurde bis zur Unkenntlichkeit zerschlagen, war über und über mit blutunterlaufenen Striemen besäet; Kopf und Gesicht wurden entsetzlich zugerichtet.  Dann folgte das Ende: Aus allernächster Nähe feuerten seine aufgehetzten Mörder fünf Pistolenschüsse auf den Genossen May ab.

Nach vollbrachter Tat  wurde die entsetzlich zugerichtete Leiche des Genossen May in das Jülicher Krankenhaus eingeliefert.

In der Folge wurde die Leiche von der Staatsanwaltschaft prompt beschlagnahmt und ebenso prompt für die Verscharrung wieder frei gegeben. Als die Frau des Ermordeten die Herausgabe der Kleider ihres Mannes forderte, wurde ihr von der Staatsanwaltschaft eröffnet, dass dieselben beschlagnahmt seien, um aus ihrem Erlös die Deckung der entstandenen Unkosten zu bestreiten“. Jeder Blinde durchschaut diese bewusste Hilfsstellung der Staatsanwaltschaft gegenüber der viehischen Mordtat. Die Herausgabe der Kleider wurde nur deshalb abgelehnt, um der Öffentlichkeit aller Spuren der Tat zu verschleiern.

Schlimmer denn als ein Stück Vieh wurde schliesslich die Leiche unseres Genossen May bei Nacht und Nebel in einem Loch verscharrt, ohne dass man seiner Frau von dem Vorgefallenen Kenntnis gegeben, ohne, dass es ihr vergönnt gewesen wäre, noch ein letztesmal ihren toten Kampfgefährten zu sehen.

Wir klagen an alle ehrlichen SA- und SS-Leute, alle Naziwähler, die derartige Mordtaten geschehen lassen, ohne den geistigen Urhebern erbarmungslosen Kampf anzusagen. Über 500 Revolutionäre gingen in den fünf Monaten der Hitlerregierung denselben Leidensweg, den Genosse Arthur May gegangen ist. Sie alle opferten ihr Herzblut für den Sieg der Arbeiterklasse über das Joch kapitalistischer Knechtschaft und Barbarei!

Deutschland einst das Land der Dichter und Denker, heute die Hölle der Richter und Henker! Das ist das „Dritte Reich“ und seine nationale Erhebung: Organisierter Arbeitermord zum Schutze der zusammenkrachenden kapitalistischen Ausbeuterordnung.

Das Flugblatt endet mit den Worten:

Du Genosse May, tapferer Vorkämpfer der proletarischen sozialen Revolution, wirst in unserem Andenken fortleben.

Der heute verlegte Stolperstein soll dazu beitragen.


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